Arisen

Engl. : "Erstanden, Hervorgegangen, Entsprungen"

Wie aus dem Nichts entsprungen

Es war ein eisig-frostiger Wintermorgen und wir waren wieder in Wäldern und Steilhängen unterwegs. Alles um mich herum war verkrustet mit spitzigen Eiskristallen und der Boden hart gefroren. Die Stimmung war ziemlich anderweltlich und entrückt.
Wie herrlich, mal scheinbar in einer Paralleldimension unterwegs zu sein – ein Genuss, dass die übliche hektische Alltagsatmosphäre nicht spürbar war.
Plötzlich lag mir eine wunderliche, spannende Form vor den Füßen. Und wie so oft schon, bringt mich dann im genau richtigen Moment irgend etwas dazu, genau dorthin zu schauen. So wie an diesem Morgen auch – zu sehen war da eine merkwürdig geformte holzige Struktur. Es schien ein Teil von einer alten, verwitterten Wurzel zu sein. Viel war nicht zu erkennen, das Ganze war recht zugesetzt von gefrorener Erde, Steinen, Moos und Flechten. Trotzdem sah das Teil bemerkenswert aus und hatte eine enorme Ausstrahlung.
Klarer Fall: das Fundstück wollte mit.
Bemerkenswert war auch, dass ich einen Tag zuvor an derselben Stelle unterwegs war und von dem Fundstück weit und breit nichts zu sehen war, und schon gar nicht so mitten im Weg, dass man fast drüber stolpern musste.

Das Fundstück war gefroren und mit Eiskristallen modelliert, und so waren die Besonderheiten der Holzstrukturen andeutungsweise sichtbar. Das war es wohl auch, was mich sofort faszinierte.

Zuhause wurde das Stück nach dem Auftauen gereinigt. Ich entfernte überschüssiges Holz und legte Schicht um Schicht von erstaunlichen Holzströmungen frei. Alles was nicht dazugehörte, nahm ich ab, bis der ursprüngliche Kern übrigblieb.

Ein erstaunliches Wesen kam zum Vorschein. Für einige Zeit blieb trotzdem unklar, was dieses Wesen eigentlich war und was es wollte. Wir trafen uns regelmäßig im Atelier und ich versuchte es zu begreifen. Es blieb trotzdem erst einmal gut verborgen.
Wie so oft, ruhen meine Arbeiten dann eine Weile – um zu reifen. Um sich auszubrüten.

Warten auf Vervollständigung

Beim nächsten Aufenthalt in Brandenburg, genauer gesagt, beim nächsten Streifzug auf der „Wildschwein-Runde“ (diesmal ohne Wildschweine) fiel mein Blick auf einen sehr ungewöhnlichen eiszeitlichen Granit-Lesestein.
Nach wenigen Augenblicken war klar, dass dieser zu der noch unerkannten Wurzel gehört. Die Wurzel lag in diesem Moment in Hessen im Atelier, der Stein in Brandenburg in meiner Armbeuge. Die beiden fingen in meinem Geiste sofort an, sich zu unterhalten.

Als die beiden Objekte zusammentrafen, bekam die Wurzel dann mit einem Mal ihre Ausrichtung. Das „Bild“ vervollständigte sich leibhaftig.

Fast wie der Phönix aus der Asche: kraftvoll auf und voran

Wurzel(n) und eiszeitlich-granitenes Gebein der Erde begegnen sich auf diese Weise.
Die erdene Basis wird zum Ausgangspunkt, zum stabilen Urgrund für Hervorgehen und Erstehen.
Wurzeln sind von Anbeginn des Keimlings dabei, sie sind Ursprung, Versorgung, Verwurzelung und Halt.
Sie sind von Anfang an eng verwoben mit dem Lebensfundament Erde. Aus dem Keimling und den Wurzeln erwächst und erblüht massives, atmendes, nährendes und genährtes Leben.
Bis die Vergänglichkeit dieses Leben wieder einholt und der Baum stirbt.
Dennoch: die Wurzeln bleiben.
Sie sind immer noch Verbundenheit, Versorgung und Halt. Nun aber nähren sie anderes Leben.
Solange, bis wiederum andere Geschöpfe – meist Wildschweine – sie der Erde entreißen. Vielleicht auch Erosion – oder womöglich andere Umstände.
Jahrelange Einwirkung von Sonne, Regen, Schnee, Eis, Tieren, Insekten, Moosen, Flechten und Pilzen sorgen für Wandel. Insekten und Pflanzen werden von solchen übriggebliebenen Wurzeln genährt und finden Lebensraum auf und in ihnen. All das hinterlässt seine Spuren auf diesen Wurzelstumpen: Pilze und Insekten durchdringen das Holz und tragen es ab. Verwitterung benagt und schleift Rinde und Holz ebenfalls, wirkt mechanisch darauf ein.
So schält die Natur selbst die wahre Essenz des Lebens aus der Wurzel heraus.

All das ist in „Arisen“ deutlich wahrnehmbar.
Der einstige Lebenskern eines Baums ist noch ein Stück weit übrig. Man sieht noch seine Formen: die wunderschön geströmten Wellen des Wurzelholzes. Die Art, wie sich Holzschichten gefaltet, gewölbt und übereinander gelegt haben.
All das wird nur sichtbar durch den jahrelangen Verwitterungs- und Alterungsprozess. Ebenso die unterschiedlichen Texturen: rau und geschwungen nach außen hin, glatt und fast wie eine wellige Haut nach innen hin. Auch das ist nur deshalb so klar zu sehen, weil die Verwitterung ermöglicht, es freizulegen.

Die Lebensspuren der Natur selbst sind verkörpert in dieser Wildholzwurzel.
Auch wenn der einstige Baum nicht mehr lebt, besteht ein Teil seiner Essenz immer noch. Jetzt hat er sich erneut verwandelt – in eine Wildholz-Skulptur.

Auch das granitene Fundament, auf dem sich scheinbar vergangenes Leben wieder erhebt, von dem es neu ersteht, ist greifbarer Zeuge des immer wiederkehrenden Lebensprozesses. Dieser Jahrtausende alte Stein hat unzählige Winter überstanden, wurde von eiszeitlichen Gletschern geschliffen, abgetragen, fortbewegt, erodiert und gespalten.
Und noch viel länger DAVOR wurde mineralisches Planetenmaterial gepresst bis zur Versteinerung – aus dem dieser Stein überhaupt erst hervorging und erstand.
Er war und ist Bühne und Urgrund zugleich für das Hervorgehen und Erstehen von weiterem Leben, was auf ihm seinen Ursprung hat.