Den Rahmen sprengen -

Das Dilemma des begrenzten Kontextes
Wieviel Kontext ist gut?

Der folgende Text ist, wie immer, für alle Betrachterinnen und Betrachter, denen es schwerfällt zu entschlüsseln, was in dem oben gezeigten Bild „drinsteckt“, und für alle, die es einfach gerne „genau wissen“ wollen:

Den Rahmen sprengen? Oder einen machbaren Umgang mit dem Dilemma des begrenzten Ausschnitts finden…

Damit ist eigentlich schon alles gesagt, und das gleich mit eingebauter Komplexitätsreduktion.
Nur fehlt der verständliche Zusammenhang.

Man kennt es:
Wie in den ersten Zeilen schriftlich – und in meinem oben gezeigten Papercut-Aquarell malerisch- durchgespielt, bleiben viele spannende, und interessante, unverzichtbare Zusammenhänge eines Themas ungesagt oder im verborgenen, werden aus diversen Gründen nicht vollständig kommuniziert. So oft kann bloß ein Bruchteil eines Gesamtkontextes (oder des Gedanken- und Wissensnetzes) gesagt werden.
Fast immer gibt es in der gemeinsamen Kommunikation eine Begrenzung:
ein zeitliches, inhaltliches oder situatives Limit, denn mehr würde ja – üblicherweise: den Rahmen sprengen.

Wenn man sich erlauben würde, diese Limits zu ignorieren?

Dann würde die Gesprächspartnerin oder der Gesprächspartner innerlich abschalten und sich recht bald verabschieden.
Oder der Vortrag, den man gerade konzipiert, würde immer komplexer und keine zwei, sondern 12 Stunden Redezeit benötigen.
Schon wieder wäre das Zeitlimit oder die erlaubte Zeichenanzahl im Dokument, oder das Thema einfach überschritten.
(Usw., usf.)

Was genau macht in einer Situation die Grenze zwischen Mitteilen und Schweigen aus?
Wodurch trennt sich Wichtiges von Unwichtigem?
Wer wählt grundlegend die Informationen aus, die man liest, hört oder sieht?
Wer entscheidet aus welchen Gründen darüber, warum und welche Informationen weggelassen werden?

 

Rahmensprenger
Das Bild müsste viele weitere Schichten, Medien, Dimensionen haben...

… um eine zufriedenstellende Tiefe, Dichte und Umfang zu erhalten *
Aber – das würde immer irgendeinen Rahmen sprengen, oder?

Und es geht mir darum, zu ver-sinnbild-lichen, dass gerade genau das (*) eben oft nicht möglich ist.
Die Limits sind da. Fast unausweichlich, weil immer ein angrenzender Kontext existiert.

Limits – was kommt danach?

Jedes Blatt, jede Leinwand endet. Jede bemalbare Wand endet irgendwann.
Jede Redezeit muss enden. Buch, Doku, Film, Sendezeit, Studienzeit, Freizeit, Job – sie enden zwangsläufig, sind begrenzt.
Die Aufmerksamkeit des Gegenübers, die Arbeitszeit, das Meeting, die Bearbeitungszeit – alles ist begrenzt. Es gäbe fast immer viel hinzuzufügen.

 

Das Aquarell oben endet zigfach

Damit beginnt für mich das Spiel zwischen Realtität einerseits und der Malerei als potentieller Fiktion oder und Wahrnehmbarmachung des Verborgenen.

Jede Farbfläche hört irgendwo auf. Das Aquarellpapier endet – doch ich habe ihm noch viele weitere Endungen und Grenzlinien hinzugefügt. Ich habe die Grenzlänge vergrößert.
Ist damit auch der Inhalt erweitert – oder sind nur die Begrenzungen vergrößert?
Schau nochmal genau hin im Bild und fühle mit.
Lass die Formen, Farben, Rhythmus, Durchblicke und Schichtungen auf Dich wirken.

Das oben gezeigte Bild besteht aus drei mit Abstand übereinanderliegenden Schichten bzw. Ebenen von Papercut-Aquarellen. Der Abstand zwischen den Ebenen beträgt ca. 1 cm.
Jede Schicht ist organisch geformt, befreit vom üblichen Blattformat und vom rechten Winkel.
Jede Schicht hat durchbrochene Bereiche, durch die man Ausschnitte der darunterliegenden Schicht sehen kann.
Durch die Vervielfachung der Begrenzungen – durch das Ausschneiden unbemalter Bereiche – entstehen Öffnungen. Durch das Übereinanderlegen von mehreren Bildern sind in diesen Öffnungen Durchblicke auf tieferliegende Schichten sichtbar, und durch die Öffnungen der tieferliegenden Schicht sieht man wiederum die DARUNTERliegende Schicht.
Das alles ist sprichwörtlich in Ausschnitten zu sehen.

 

Duktus, Textur, Farben

Der Duktus und die Textur der Farbe in jedem Bereich einer Schicht ist dynamisch, bewegt, in unterschiedlichen Dichten, Helligkeiten und Intensitäten. Es gibt flächige und plastische Anmutungen. Alles ist organisch und vernetzt, jedoch nicht systematisch, nicht rational, nicht gerastert und nicht geometrisch. Ziemlich „rechtshirnig“ sozusagen.
Allerdings ist die Farbigkeit eingeschränkt, es kommen nur bestimmte Farben vor, andere sind ausgeschlossen.

Mit der Schichtung verschiedener Bild-Ausschnitte auf limitierte Weise werden symbolhaft Kommunikations-Limits und ihre damit direkt verbundenen Möglichkeiten anschaulich sichtbar (eine  Prise „linkshirnige“ Würze).
Ich mag die Wechselwirkung von künstlerischem Prozess, dessen Ergebnissen, der theoretischen Auseinandersetzung damit, und selbige dann in Worte zu fassen, welche mit dem im Bild Wahrnehmbaren spielen und interagieren.

Begrenzungen sind in unserer Welt meist unvermeidlich. Frustrierend für freiheitsliebende Menschen.
In der künstlerisch- spielerischen Auseinandersetzung mit dem Thema, ebenso wie in der theoretischen, zeigt sich bei all den Begrenzungen aber auch das Potenzial der Limits: sie ermöglichen Raum zum Erkennen, bieten neue Perspektiven auf Angrenzendes, fordern (die Reflektion von) Trennschärfe, fordern die Konzentration auf Wesentliches, zeigen Potenzial und Limitierung gleichermaßen. Und gedanklich kann man zwischen begrenzender Wirklichkeit, scheinbar grenzenloser Gedankenweite und weiteren Wahrnehmungsphänomenen hin-und her zoomen.

Viel Spaß beim Entdecken!