Hochsensible und das Gefühl von Verbundenheit und Akzeptanz

Phenomenon 2.17

Hast du schon einmal das tiefe Gefühl echter Verbundenheit erlebt? Sei es mit einer Person, einer Gruppe oder sogar mit dir selbst?

Für viele ist das Gefühl der Verbundenheit ein fundamentales menschliches Bedürfnis.
Diejenigen, die eine spirituelle Seite haben, mögen das Gefühl von Einheit mit dem Universum, Gott, der Weltenseele oder ihrem wahren Ich kennen – Momente, die die Seele tief berühren und stärken.

Das Gegenteil, sich unverbunden, isoliert oder ausgegrenzt zu fühlen, kann sehr schmerzhaft sein, besonders für hochsensible Menschen, die sich oft als „anders“ oder sogar fremd empfinden. Dieses Gefühl des „Andersseins“ oder der Nichtzugehörigkeit ist ein häufiges Thema für Hochsensitive.

 

Zusammenfassung:

Hochsensitive Menschen erfahren in normalsensitiven Umgebungen oft ein Gefühl der Fremdheit und der Ablehnung ihrer sensitiven Wesensart.
Das fördert eine ungünstige Form der Anpassung, eine Art Maskierung und damit ein unauthentisches Selbstbild.
Für sehr empfindsame Menschen ermöglichen authentische Beziehungen zu anderen Feinfühligen eine tiefes Gefühl der Zugehörigkeit und Akzeptanz und auch eine gegenseitige Spiegelung.
Ein maskiertes bzw. unauthentisches Verhalten macht es Hochsensiblen untereinander schwer, sich zu erkennen und ein tiefgreifendes Gefühl der Passung und des Okay-Seins zu erleben.

Als feinfühliger Mensch nimmt man Menschen und auch die Kontaktqualität miteinander deutlich wahr. Oft erlebe ich bei sensitiven Menschen eine ausgeprägte Sehnsucht nach tiefgehendem Verbundensein, die im normalsensiblen Umfeld eher schwer erfüllen lässt.
Diese Verbindungsqualität hat viele Facetten. In diesem Beitrag geht es um die Facette des Selbstbildes, der Maskierung und des Gespiegeltwerdens ein.

 

Lies auch diesen Blogbeitrag: Was bedeutet Verbundenheit (nicht nur) für Hochsensible

Zugehörigkeit heißt Okay-Sein

Zugehörigkeit bzw. ein Gefühl des Verbundenseins ist das, was fehlt, wenn viele hochsensitive Menschen das „Alien-Gefühl“ erleben.
Wenn regelmäßiger Kontakt zu Gleichsinnigen bzw. Gleichgesinnten im eigenen Umfeld fehlt, verringert sich damit auch die Möglichkeit, sich in anderen feinfühligen Menschen wiederzuerkennen, sich zu verorten.
Es fehlt das Gefühl von Verbindung zu Menschen die ähnlich beschaffen sind.
Zugehörigkeit bedeutet, man ist mit seiner Feinfühligkeit „in Ordnung“ und willkommen.
So wie man – als gesamte Person – ist, ist man geliebt, akzeptiert und angenommen.

 

Herausforderungen in der sozialen Anpassung

Von vielen erhöht neurosensitiven Menschen höre ich, dass sie sich seit ihrer Kindheit als anders oder fremd erleben. Mit zunehmendem Alter werden die Unterschiede im Denken, Fühlen und Verhalten zum Umfeld deutlicher.
Ein ausreichendes Verbundenheitsempfinden entsteht dabei kaum, eher fühlt man sich als feinfühliger Mensch  fremd oder als Außenseiter_in:
Zu empfindlich für Clubs, schnell genervt auf Partys. Die Shoppingtour mit der Freundin ist eher eine Qual als Vergnügen. Öffis mit ihrer stickigen Luft plus Duft können einen umwerfen und in der Arbeit ist man schon vormittags erschöpft. Kino-Blockbuster sind ein Graus, und statt After-Work-Treffen will man nur noch nach Hause und seine Ruhe haben. Das hochsensitiv-typische Interesse an Tiefgründigkeit stößt im Umfeld auf Unverständnis.
Sensitive Menschen fühlen sich häufig alleine mit ihren Themen, Gedanken und Vorlieben

Phenomenon 2.17 im Raumbeispiel

Folgen der Anpassung und Suche nach echter Verbundenheit

 

Um keine Ablehnung oder Abwertung zu erfahren, sondern Angenommensein, Zugehörigkeit, Akzeptanz, Verständnis und Wertschätzung zu erleben, passen sich viele erhöht neurosensitive Menschen übermäßig an ihr Umfeld an. Im Versuch, sich unempfindlich zu zeigen, muten sie sich zuviel zu. (Chronischer) Stress, Überforderung und sich selbst zunehmend weniger spüren sind einige Folgen, die weitere gesundheitliche Beeinträchtigungen nach sich ziehen.

Das oben genannte Sich-auf-andere-Beziehen, Sich-Verorten bzw. Positionieren, und Sich-vom-Umfeld-Spiegeln-Lassen hat dabei die angepasste Version der eigenen Persönlichkeit und nicht den authentischen  Wesenskern zur Grundlage.
Die Reaktionen, Rückmeldungen, Interaktionen unseres Umfeldes sagen dabei nichts oder nur wenig über unser wahres Selbst, weil wir es nicht oder nur teilweise zeigen.
Wir erhalten auf diese Weise ein verfälschtes Bild unseres Selbst vom Umfeld.

Umgekehrt: versucht man sich authentisch als hochsensibler Mensch im normalsensiblen Gegenüber zu erkennen, stellt man fest, man ist anscheinend nicht tough genug und hält zu wenig aus bzw. kann nicht mithalten. Es scheint dass man eben zu empfindlich, zu kompliziert und zu langweilig, oder zu irgendwas ist. Fremd eben, wie ein Alien oder Außenseiter oder eine Außenseiterin.

Kein schönes Gefühl. Um stattdessen Zugehörigkeit und Okaysein zu erleben, liegt es nahe als vermeintlich „zu empfindlicher“ Mensch,  die eigene Authentizität, Ansichten, Vorlieben, Interessen und Bedürfnisse zu unterdrücken.
Mitunter so lange, bis man sie gar nicht mehr wahrnehmen kann. Anpassung und „verbiegen“ – also sich maskieren – um Verbundenheit zu erleben.

Diese Verbundenheit seitens des Umfeldes gilt dann jedoch nicht unserem wahren Selbst, sondern unserer Maske. Das Gefühl der Wertschätzung, der Akzeptanz, von Verständnis und Angenommensein adressiert nicht den echten Wesenskern, sondern die angepasste Version des Selbst.

 

Etwas Wesentliches fehlt

Was da fehlt, ist die wahrhaftige, wesensgerechte Verbundenheit mit Menschen, die einen erkennen, verstehen und begreifen, annehmen, akzeptieren und wertschätzen – genau SO, wie man eigentlich, wahrhaftig ist, wenn die Maske, also die Anpassungsstrategie wegfällt. Als Sensitive verstehen wir Sensitive Menschen auf tiefen Ebenen – und werden verstanden. Die Bestätigung und Stärkung des Selbstwertgefühls und Selbstbewusstseins, die dadurch spürbar wird, ist tiefgreifend heilsam.
Diese Art von Verbundenheit sollten wir als erhöht Neurosensitive unbedingt suchen, weil sie auf so vielen Ebenenenorm wohl tut und stärkt.

 

Die Bedeutung authentischer Begegnungen

Ich höre von all meinen sensitiven Gesprächspartner_innen, Klient_innen und Kund_innen, dass die Begegnungen mit anderen Hochsensitiven ein tiefgreifendes und bereicherndes Erlebnis sind.
Wenn das gelingt, fühlen sich die meisten sofort tief verbunden miteinander.
Es wird sehr schnell ein tiefes gegenseitiges Verständnis und Angenommensein spürbar. Wertschätzung, Akzeptanz, Verständnis, Wohlwollen und eben das Gefühl der Zugehörigkeit werden meist begleitet von tiefer Freude, Berührtsein und der Erleichterung, nicht alleine „so“ zu sein.

In diesen Begegnungen und Beziehungen mit anderen Feinfühligen erst kann man sich als feinfühlige Person wahrhaftig erleben, sich beziehen auf das sensitive Gegenüber, auf die gemeinsamen Themen, Vorlieben, Fragen, Erlebnisse. Darin kann man sich endlich wahrhaftig und echt verorten und Position beziehen, weil man eine authentische, verständnisgeprägte Spiegelung erfährt. So wird eine echte, ehrliche Verbundenheit spürbar.

 

«Spiritualität ist tiefe Verbundenheit, wobei man auf drei verschiedenen Ebenen verbunden sein kann.
Erstens vertikal mit Gott, einem höheren Wesen.
Zweitens horizontal, etwa mit der Natur, mit dem Kosmos oder mit anderen Menschen.
Und drittens, in einer Tiefendimension, mit dem eigenen Selbst.»

Henning Freund, Professor für Religionspsychologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie
Phenomenon 2.17 im Raumbeispiel

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Bildnachweise:
Matteo Stroppaghetti, Unsplash; Neom, Unsplash; Brayden Winemiller, Unsplash